Un-Sichtbar

Es war Sommer geworden und ich konnte endlich wieder im labbrigen Top zur Uni. Den grünen Fetzen hatte ich mir für ein paar Euro bei H&M gekauft. Irgendein Charakter aus irgendeiner Serie war dafür verantwortlich gewesen; ich lasse mich gerne von anderen beeindrucken und "inspirieren". Menschen, die so sind, wie ich gerne wäre - oder von denen ich gerne ein Stück abbekommen würde. Und wenn dann ein besonders lässiges Miststück gerade recht kommt, dann kaufe ich Klamotten, die so ähnlich aussehen wie ihre und fühle mich dann irgendwie ein bisschen cooler. Das ist irgendwie so eine Angewohnheit von mir. Die Lederjacke habe ich seit ich Supernatural schaue - weil Dean auch eine hat und ich mir darin so lässig vorkomme. Seit ich bemerkt habe, dass zwei meiner lieblings-Polizistinnen aus Krimi-Serien auch Lederjacken tragen, habe ich mir eine winzige Sammlung zugelegt. Zum totlachen, oder?
Ich weiß, dass sie nach Drehbüchern tanzen, aber für mich sind diese erfundenen Menschen irgendwie real und ziehen in meinem Kopf ein wie in ein gigantisches Hochhaus, vollgestopft mit Gestalten, die ich um irgendetwas beneide.



Wir saßen zu viert in einem kühlen Raum, in dem einen das viele Weiß beinahe erdrückte: Weiße Regale, weiße Tische, weiße Computer, weiße Waschbecken, weiße Fensterrahmen, ...
Zu der Zeit fühlte ich mich sehr einsam. Auch wenn ich in einem Raum voll mit Menschen war, merkte ich doch, dass mir irgendetwas fehlte. Jemand konnte mich in den Arm nehmen und stundenlang festhalten und wenn er losließ war das einzige, was ich wirklich fühlte Erleichterung. Darüber, dass ich mich wieder frei bewegen konnte. Darüber, dass dieser Mensch mir endlich nicht mehr in der Seele herumstocherte.
Es war alles komisch.
Ich wollte auch garnicht mit anderen reden. Ich wollte nicht. Ich wollte allein sein und doch nicht allein sein. Aber Nähe machte mich fertig; stresste und überforderte.

Morgens wachte ich auf mit dem Gedanken: Was soll das?
Abends ging ich ins Bett mit dem Gedanken: Hoffentlich wache ich morgen früh auf und der Traum hat ein Ende.
Ich wachte auf und nichts passierte. Die gleichen Menschen stellten die gleichen Fragen, überforderten mich mit Aufgaben und waren genervt davon, dass ich genervt von ihnen war.
Die ganze Welt war für mich nicht mehr tragbar. Gibt's sowas?
Ich weiß nicht einmal mehr, was das Ganze ausgelöst hatte. Es kam einfach so. Der Trott? Fixierung auf die eigenen Fehler und Systemmängel?
Mit niemandem konnte ich reden - das habe ich mir zumindest eingebildet. Eingeredet. Als säße etwas kleines, hässliches auf meiner Schulter, was mich morgens nach dem Aufwachen angrinste und, bis ich ins Bett ging nicht damit aufhörte.

Ich verlies den Raum ohne ein Wort zu sagen und trat auf den Flur. Niemand zu sehen. Niemand zu hören. Mit einem Ruck öffnete ich das riesige Fenster - nichts. Kein Windhauch; nur die wenigen Geräusche, die durch den Lärmschutz des Innenhofes zum Flur herauf wehten, der dumpfe Pegel der Stadt und das Summen von Bienen, weiter oben an der roten Backsteinmauer. Die Sonne stand nur morgens so günstig, dass man sich in ihr aalen konnte. Um die Nachmittagszeit war sie schon weiter gezogen und spendete anderen ihr Licht.
Trotz der Hitze bekam ich Gänsehaut und schaute den Bienen zu, wie sie emsig umherschwirrten. Ganz schön viele, dachte ich noch. Dann holte ich tief Luft und es war, als würde ein Wasserballon in meinem Kopf explodieren. Ja, ich weinte vor mich hin; gab aber keinen Ton von mir.

Ich dachte an die vielen Leben, die ich bis jetzt hätte leben können. Ich meine, es machte mich nicht traurig, dass ich mir dieses Leben ausgesucht hatte. Es ist echt super und ich bin wirklich nur zu faul für alles. Das Leben ansich war es. Die geballte Macht all dessen, was jeden Tag auf mich einströmte.
Freunde erzählen von neuen Bekanntschaften, von Urlauben und Kinobesuchen. Von romantischen Abenden, von Parties und von allem, was sie sich vorgenommen haben. Von diesem und jenem und Kochen und Kunstprojekten. Draußen platzt das Leben aus allen Nähten und in meinem Kopf ... ? Stille.
Es war, als versuche man angestrengt sich an etwas zu erinnern und nichts passiert.
Ich kam mir vor wie ein unendlicher Loser. Wie Jemand, der dem Leben nicht gewachsen ist. Dem Erwachsenwerden nicht gewachsen ist. Der Geschwindigkeit, in der sich alles ändert und verändert. Mit Veränderungen komme ich nicht klar. Sie machen mir Angst und ich verstecke mich davor so gut ich kann. Aber das Leben lässt so etwas garnicht erst zu. Es bestraft einen dafür und nimmt einem jeden letzten Winkel, in dem man sich verkriechen könnte.

Ich stand in der Uni vor dem offenen Fenster, starrte über die Stadt und heulte, als hätte ich wirklich einen Grund dazu. Ich kam mir vor, als hätte mich gerade Jemand geohrfeigt.
Dann ging die Türe auf und eines der Mädchen von drinnen ging in Richtung Toilette. Ich schluckte, hörte wie es inne hielt und schließlich auf mich zu kam. Umgesehen habe ich mich nicht.
"Ist alles okay?" "Ja.", antwortete ich. Wir wechselten ein paar Worte. Nichts bedeutendes; ich weiß nicht mehr. Dann ging sie und lies mich allein. Einen kurzen Augenblick lang hatte ich mir gewünscht, sie würde mich an der Schulter fassen, mich herumdrehen und sagen: "Was ist wirklich los? Und lüg mich nicht wieder an." Aber es geschah nichts dergleichen. Sie ging einfach und ich blieb da.

Das war so ein Moment, in dem ich am liebsten aus dem Fenster gesprungen wäre; über das flache, schwarze Teerdach weiter nach hinten, mit ein paar weiteren Sprüngen bis unten und dann einfach laufen. In dem Moment hatte ich das Gefühl, dass irgendjemand auf der Welt gerade das Leben lebt, gegen das meines eingetauscht wurde. Ich sollte nun dort sein. Abenteuer erleben. Das Leben reiten, wie einen dieser mechanischen Stiere.
Aber ich blieb stehen, putzte mir die Nase, schlich zum Spiegel auf der Toilette um zu kontrollieren, ob ich noch danach aussah, als hätte mich Jemand auf dem Flur verprügelt und zog schließlich die weiße Türe hinter mir zu, als ich wieder ins Zimmer geschlüpft war und so tat, als sei ich heute einfach ein wenig gelangweilt, während die anderen anscheinend zu beschäftigt mit SMS-Schreiben und ihren Notizblöcken waren.



An diesen Tag erinnere ich mich oft. Er erinnert mich daran, dass ich es immernoch nicht kann; das Leben beherrschen. Heute erdrückt es mich auch noch oft, aber ich atme durch und gehe in eine andere Richtung. Nicht auf den Berg zu, sondern nehme die flachere Straße. Vielleicht führt sie mich ja eines Tages dorthin, wo ein großes Abenteuer auf mich wartet...
In der Zwischenzeit muss ich lernen, dass derjenige auf den ich mich verlassen können muss ich selbst bin.


adoptiert von "tramps like me."
http://tramps-like-me.blogspot.de/

Kommentare :

  1. Ich mags so wie geordnet deine blogs sind. also, dass du mehrere blogs hast und hach keine Ahnung.

    xx

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    1. <3 wenn ich meinen kopf schon nicht ordnen kann, versuch ichs wenigstens im Internet. :D

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  2. lange ist es her, dass jemand meine innersten gefühle so wundervoll, traurig und berührend dargestellt hat--- ich bin sprachlos. Auch wenn der post einen wieder daran erinnert, dass man sich manchmal einfach nur vom leben abkapseln möchte, hat er auch etwas positives ;) danke für die tollen 5 min, die du mir soeben geschenkt hast!!
    deine Limi

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    1. Ich danke dir, für die erwärmenden Worte! (:

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Ich freu mich immer über liebe Kommentare. Wer tut das nicht? :3 Danke, für jeden einzelnen! Auch, wenn ich nicht immer sofort antworten kann.
// Im Normalfall antworte ich hier. (:

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