Nackt und Mutig

Bevor ich meine Kreativkräfte sammel, um ab Weihnachten (oder Neujahr xD) mit neuer Energie in der Internetwelt zu starten, muss ich vorher doch nochmal meinen Frust loswerden.

Das gezielte Niedermachen von bestimmten Personen ist hier nicht beabsichtigt, also werde ich Namen einfach durch ein X ersetzen.

Soeben fand ich mich dabei wieder, wie ich Instagram nach Interessantem durchforstete. Ich entschied mich einfach interessante Hashtags anzuklicken, um zu sehen, wohin mein Weg mich führen würde. Bei einem Post blieb ich dann schließlich hängen.
Ein Mädchen, offensichtlich mit einer Spiegelreflexkamera und Selbstauslöser fotografiert, sitzt auf dem Bett. Nackt. Die Arme vor der Brust verschränkt, die Beine bedeckend angewinkelt. Sie starrt emotionslos in die Kamera; ist offensichtlich ungeschminkt und auch ist sonst nichts an diesem Foto beschönigt worden, außer ein leicht milchiger Filter, der über das Foto gelegt worden zu sein scheint. Sie scheint im selben Alter wie ich zu sein.
Ich runzle die Stirn. knapp 49 Kommentare. Knapp 300 Herzen. Ich beginne den Text zu lesen; langsam. Die Stirn runzelt sich über den Runzeln.
"Ich habe kleine Augen wenn ich ungeschminkt bin", steht dort. "Im Sitzen habe ich Speckrollen."
Ich schaue an mir herunter. Dort unten, unter dem Shirt quillt in diesem Moment ein Röllchen über meinen Hosenbund. Ja und?, frage ich mich und fahre fort: "Meine Haarfarbe ist rausgewaschen." Ich sehe in den Spiegel neben meinem Bett. Ein Ansatz ist glücklicherweise noch nicht zu sehen, aber ich erinnere mich an die vielen Male mit braunem Ansatz, der durch mein damaliges Pink hervorstach, wie eine pelzige Kackwurst. "Ich bin dies. Ich bin das.", beginnt sie Charakterzüge aufzuzählen. Sie sei nachtragend, sagt sie. Und lüge manchmal. So langsam wird mir die Nummer zu dumm. Ich komme zum Ende des Textes, der gesäumt ist mit Hashtags: #seiduselbst #mutzudir #unschön #nacktsein
Darunter steht dann noch: Ich bin X, schön dich kennen zu lernen!

Sofort fallen mir die vielen Herzchen auf, die die Kommentierenden unter den Text gepostet haben. Dort stehen Sachen wie: "Einfach nur WOW!" oder "Respekt an dich, liebe X! Super mutig von dir, dich so zu zeigen! <3" und "Du bist so wunderschön, selbstbewusst und mutig! Richtig so. Die Innere Schönheit zählt! :)"

Bin ich im falschen Film?

Ich möchte auch etwas posten. Einen Kommentar hinterlassen. Ich möchte schreiben, dass ich dieses Getue nicht verstehe. Dass ich den Text nicht verstehe. Und überhaupt diese ganze Aktion nicht verstehe. Sie ist ein hübsches Mädchen, ohne Frage! Ich scrolle noch einmal hoch und entdecke nun erst ein paar wenige Tattoos. Aber wieso muss ich mich nackt fotografieren und dann das Foto ins Internet hochladen, nur damit die Leute sich ihr Zeug zusammenreimen können...? Ich verstehe das nicht.
Wieso ist es so selbstbewusst so etwas zu tun...? Jeder hat Speckrollen im Sitzen. Und nun schau mal an dir runter, denn du wirst diesen Post nicht im Stehen lesen. Das ist normal. Es sei denn, man ist durchtrainiert oder magersüchtig. Dann bleibt einem der Anblick vielleicht erspart. Meine Haarfarbe wäscht sich auch raus. Haarfarben haben das so an sich. Und wenn man sich nicht schminkt, dann sieht man immer "merkwürdig" aus, wenn man sich nur geschminkt kennt. Das ist der Grund, wieso ich mich zu 99% Nicht groß schminke. Ich will, dass die Leute mich natürlich besser kennen, als mit Makeupmaske.

Aber muss ich dann so tun, als verdiene ich für all das eine Medaille? Dass ich die tagtägliche Folter, die kleine, ungeschminkte Augen und rausgewaschene Haarfarbe mitsichbringen tapfer ertrage und das in die Welt hinaus brülle? Ich verstehe das nicht. Aber gut.

Ich schrieb nichts unter den Post. Ich hatte keine Lust mich mit diesen ganzen Menschen anzulegen, die meine Meinung, meine Aussage nicht verstehen würden. Sollten sie doch alle denken, es sei mutig. Ich fand es einfach blöd und irgendwie auch abstoßend. Nicht weil sie nackt war. Ich bin in einem Fotoverein. Ich habe wahrscheinlich schon mehr nackte Haut gesehen, als jeder andere hier. :D Sondern weil die Leute in einer Scheinwelt zu leben schienen, in der so etwas wie Sitzspeck nicht normal scheint. In der man top gestylt ist und man pinkes Haar schon von Geburt an hat. Oder zaubern kann, damit sie so bleiben.
Man baut sich diese Welt auf. Durch Instagram. Jawohl. Man postet die schönen Momente im Leben, auch, wenn sie manchmal nur gestellt sind, damit die Follower was zu liken haben. Man pickt die hübschen Selfies raus. Man zieht den Bauch ein. Man verschönert die Farben und legt ein wenig Glitzerstaub drüber. Sollen ja auch was hermachen, die Fotos.
Im Grunde belügt man sich aber ab einem bestimmten Punkt selbst. Und dann entscheidet man sich ganz unbewusst für Fotos. Die, die die gute Seite, die schillernde, spaßige Seite seines Lebens zeigen. Die Follower sollen ja nicht enttäuscht sein. Man versucht seinem generierten Image treu zu bleiben und jedes Foto immer wieder mit etwas "Schönerem" zu übertreffen. Man zeigt hübsche Dinge. Hübsche Menschen. Selbst bei den schlimmsten Grimassenfotos entscheidet man sich für das, auf dem man selbst vorteilhaft getroffen ist. Unbewusst.

Manchmal frage ich mich, wer dieser Mensch mit dem Nicknamen 8bitmusic auf Instagram eigentlich ist. Bin ich es? Oder ist es ein viel glücklicheres, fröhlicheres, schöneres, von mir erschaffenes Ich? Postet man dann deswegen ein unvorteilhaftes Nacktfoto von sich? Um sich selbst nochmal vor Augen zu führen, wer man eigentlich ist? Um sich nicht zu vergessen?

Kommentare :

  1. Im Ansatz finde ich die Idee hinter solchen Fotos ja ganz sinnvoll - *bewusst* etwas Nicht-Perfektes, Nicht-Gestelltes zu posten und dazu zu stehen, dass es hinter den Kulissen meist dann doch etwas anders zugeht, als man durch die üblichen Fotos vermuten könnte.

    In letzter Zeit bin ich immer mal wieder über solche Bilder gestolpert - wobei die irgendwie trotzdem so ansehentlich sind, dass es schon wieder strange ist. Schön, wenn andere Leute ungeschminkt offensichtlich trotzdem gut aussehen und wenn das Chaos in der Küche bei denen so ausgewogen wirkt wie von Picasso persönlich arrangiert. Bei mir sieht es derweil einfach nur unaufgeräumt aus, und ein morgendliches Selfie würde allenfalls an Halloween durchgehen. Toll. Hinterlässt ja auch irgendwie ein schales Gefühl. :D

    " Selbst bei den schlimmsten Grimassenfotos entscheidet man sich für das, auf dem man selbst vorteilhaft getroffen ist. Unbewusst." ... word.

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  2. Ja, wenn ich morgens aufwache und wie etwas, was schonmal gegessen wurde aus dem Bett auf den Boden falle und Richtung Badezimmer krieche, sieht das auch nach Natürlichkeit pur aus. :DD Sowas will aber auch einfach keinet sehen. XD

    Stimmt schon. Sich die Realität vor Augen zu führen ist immer gut. Aber was geht es meine Follower an wie ich nackt aussehe? :D sag ich jetzt mal so. Dieses Thema ist schon so ausgeschöpft...

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  3. so ein toller und wahrer text! du hast völlig Recht, wenn du denkst, dass man als blogger oft nur die schönen Seiten des Lebens zeigt. Bei den meisten Blogs, die Ich lese, würde ich nie bewusst denken, dass die blogger auch mal einen scheiß-tag haben, auch mal denken "omg wie sehe ich heute aus", dass sie bestimmt auch Tage haben, an denen sie die Welt nicht verstehen, sich mit Menschen streiten, verzweifeln und die ganz alltäglichen Probleme haben. Aber wenn ich ehrlich bin, dann zeige auch Ich das alles nicht auf meinem Blog. Und zwar nicht, weil ich es verstecken möchte. Es kommen manchmal auch posts, in denen ich meine tiefsten gedanken veröffentliche. Aber Insgesamt soll ein Blog doch auch ein Zufluchtsort sein. Er soll die perfekte Scheinwelt aufrecht erhalten und einen vom grauen Alltag ablenken. Vielleicht it es gut, dass man sich manchmal dem Gedanken hingibt, das Leben ist doch soo "perfekt" ...weil es einen vielleicht motiviert und einen auf andere Gedanken bringt...
    :D
    ok, der kommentar hat jetzt nicht viel Sinn ;D sorry :D

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    1. Das macht nichts! :D Dieser Blog ist auch da, um mal sinnlosen Firlefanz loszuwerden. :D
      Du hast schon recht ... manche scheinen nur leider dieser Scheinwelt zu leicht zu verfallen.

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  4. ein echt toller Text. Es sollte nichts besonderes sein seine Fehler und Markel anderen zu zeigen. Warum ist in den letzten Jahren dieser "man*-muss-perfekt-sein"-gedanke so aufgeblüht? Ich ertappe mich selber leider immer wieder dabei, wie ich mich, gerade im Internet, versuche anders darzustellen, als ich eigentlich bin. Dann gucke ich mir mein Instagram Profil an und bemerke, dass ich nicht anders als die ganzen Menschen bin, die nur die fotos mit den besten und schönsten Momente, auf denen sie super getroffen sind, hochstellen und allen zeigen, wie schön ihr leben doch ist. Eigentlich sollte sich doch keiner mehr selber vormachen, dass ein Facebook-, Instagram- oder Twitteraccount die wahren Seiten eines Menschen zeigen, doch leider tue ich das selber viel zu oft.
    Danke für deinen Post als kleinen Denkanstoß. Mal sehen was da in meinem Kopf noch weiteres rauskommen wird.
    (Irgendwie kommt es mir so vor, als ob ich zwei Sätze mit unendlich vielen Nebensätzen geschrieben hätte. Ich hoffe man* kann das doch verstehen.)

    liebe grüße
    charlotte

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    1. Ach klar! :D Ich hab dich jedenfalls verstanden. °___^
      Ja, mir geht es da genauso. Ich wollte nie Instagram haben weil "Mir dieser Scheiß einfach zu hip ist. Und was interessiert es mich, was andere frühstücken!? Und was ich mir kaufe geht keinen was an." ... Und nun schau dir meinen kunterbunten, überquellenden Account mal an, mit seinen fast 900 Fotos. :'D Man schafft es sich doch immer wieder in die Masse einzufügen - ob man will oder nicht. Es gibt einfach zu viele Menschen auf der Welt, als dass man irgendetwas eigenes finden könnte.

      Mich regt es manchmal auf, wenn Leute ihre neuen Sachen posten, was sie gerade Tolles essen, was sie tragen oder was sie gerade tun. Vor allem, wenn es immer das Gleiche ist ... irgendwann kristallisiert sich da ein Muster raus. Bei manchen springt es einem ins Gesicht, bei anderen entdeckt man es nach einiger Zeit.
      Ich habe zB Leute in meinem Thread, die posten jeden Tag irgendwas, was mit Games zu tun hat. Oder Serien. Oder irgendetwas anderem, was sich einem Fandom erfreut. Jeden Tag das Selbe - so kommt es mir vor. Ich habe das Gefühl diese Menschen tragen keine anderen Klamotten, tun jeden Tag das Gleiche und haben nichtmal eine Tasse im Schrank, die nicht verziert ist mit irgendeinem Serien- Game- oder Filmkram. Manchmal werde ich richtig sauer, wenn ich das sehe, weil ich mir denke: Man. Tun diese Leute denn wirklich nichts anderes im Leben!?
      Und dann halte ich inne und denke mir: Wahnsinn. Das ist ja fast wie im Zoo. Wenn man an die Scheibe klopft und schreit "Hey Erdmännchen! Macht mal was interessanteres, als nur durch die Gegend zu starren!" ... Man will unterhalten werden, mehr, als man die Menschen für das zu schätzen lernt, was sie können oder was sie schließlich sind. Man sucht das Perfekte - aber wenn man es findet, wie ein perfekt geschminktes Gesicht, oder die perfekt in Szene gesetzte Game Of Thrones Tasse, dann macht es einen manchmal sauer oder langweilt einen.
      Oder andere, die den ganzen Tag nur das posten, was sie essen. Es sind teils oft sehr schicke Restaurants und Imbisse (dort, wo man sonst noch so isst XD) und das Essen ist immer köstlich und perfekt angerichtet. Dabei war es nie das, was ich sehen wollte. Ich wollte auch zermatschte Pausenbrote sehen. Die zusammengeschusterte Pizza. Kakao aus hässlichen Tassen oder einfach eine Tafel Aldischokolade. Aber sowas finde ich nur ganz ganz selten ... es ist ständig hübsch angerichtet. Nett verpackt. Schön hingestellt. Möglichst gut ausgeleuchtet. Die Bildwirkung muss passen. ...
      Die Leute achten garnicht mehr so darauf was sie tun, sondern wie sie es tun. Sie wollen anderen Menschen zeigen, dass sie sich einen Kakao mit Sahne gemacht haben. Aber damit ist es ja nicht getan ... Das Bild wird so fotografiert, wie es am meisten hermacht.

      Es ist absolut nicht schlimm etwas "hübsch" zu fotografieren, oder etwas Hübsches zu fotografieren. Hey, wer sieht sich nicht lieber das schöne Foto vom Sommersalat auf richtigen Tellern an, als das Foto vom Rewesalat in der Plastikschachtel bei Zimmerlampenlicht? XD Wir sind auf "schön" getrimmt.
      Hach darüber kann man noch so ewig lange diskutieren...

      Ich finde es ganz schlimm, wie man irgendwas interessantes sehen will, und auch interessant sein will - man am Ende aber doch einsehen muss, dass das alles nicht anders ist, als das, was Jeder macht.Verstehst du was ich meine? XD Ich hab mich an manchen Stellen ein bisschen verwurstet ... :D Tut mir Leid. XD Dieses Thema ist wirklich ein sehr gespaltenes Thema. Beiden Seiten, dem Perfekten wie auch dem Unperfekten kann man Gutes und Schlechtes abringen. X__________X

      Was ich am Ende sagen wollte, weiß ich auch nicht mehr genau. XD

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  5. Der Text ist so perfekt. Ich frage mich auch oft, was hinter so einem Verhalten steckt..
    Aber ich denke, bei vielen ist es auch einfach so, dass sie vielleicht nach Komplimenten fischen.. Vielleicht kostet es sie Überwindung, sich 'nackt' zu zeigen, vielleicht auch nicht. Diese Sätze, die du erwähntest (die sie drunterschrieb) schreien meiner Meinung nach aber geradezu: "Tell me that I'm pretty!!". In gewisser Weise ist sowas ja immer irgendwie beabsichtigt, wenn man ein Foto von sich hochlädt.. Aber dann nur negative bzw. NORMALE Aspekte an sich aufzuzählen, zu zeigen, dass man eben auch nur ein ganz normaler Mensch ist und das ganze aber in so ein negatives Licht zu rücken finde ich einfach nur unnötig. Warum kann man so ein Foto nicht einfach hochladen und drunterschreiben "Ich fühle mich heute wohl, so wie ich bin!". Das würde zumindest bei mir sehr viel mehr Sympathie auslösen..

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